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08.11.2007 - 14:00 Uhr
Welche Qualitäten der PR gegenüberstellen? Eine Berufsdebatte an der 9. Herzberg-Tagung
(quajou.) 85 Teilnehmende aus der
ganzen Medienbranche und eine intensive Debatte. An der Herzberg-Tagung
des Vereins Qualität im Journalismus vom 7. November im „City Forum“
der „Basler Zeitung“ wurde die Fragestellung im Titel – Journalismus am
Tropf von Behörden, Öffentlichkeitsbeauftragten und PR. Bleibt die
Qualität auf der Strecke?“ – in der Tendenz abschlägig beantwortet.
Für Sacha Wigdorovits – Leiter einer Beratungsagentur vor allem für
Unternehmen und Initiant von „.ch“ – sind instrumentalisierte Medien
wertlose Plattformen. Die Fachleute im Publikum würden jeweils die
Manipulation merken. Der Verlust an Glaubwürdigkeit würde sich immer
weiter übertragen, bis Medienprodukte für Werber nicht mehr genügend
Reichweite hätten und vom Markt genommen würden. Instrumentalisierungen
sah er in passiver Form (Wahlen 07), auf willentliche, aktive Weise
(geheime oder offensichtliche politische Agenda wie bei der
„Weltwoche“) oder durch Konzernjournalismus (denkbar wären Printmedien,
die im Dienst der Marketingabteilung Contents des hauseigenen
Fernsehsenders weitertransportieren). Urs Paul Engeler sah die
Instrumentalisierung vor allem im mangelnden Nachfragen (Warum
lancieren politische oder wirtschaftliche Akteure den betreffenden
Kommunikationsanlass?) sowie in mangelnder Dossierkenntnis begründet.
Auch die anderen Redaktionsvertreter Rolf App („St.Galler Tagblatt“),
Jürgen Sahli (Radio Argovia), Josef Zihlmann, („Willisauer Bote“) und
die Redaktionsvertreterin Daniela Decurtins („Tages-Anzeiger“) sahen
nebst dem Handlungsbedarf auch Spielraum gegen die PR-Vereinnahmung.
Da problematisierte Armin Scholl, akademischer Oberrat am Institut für
Kommunikationswissenschaft der Universität Münster, Mitautor der
aktuellen Studie zum Journalismus in Deutschland, die „ökonomischen
Probleme des Journalismus“ gegenüber dem „ökonomischen Reichtum der PR“
ganz anders. Die riesigen Etats in grossen Unternehmen, Verbänden und
Parteien führten zu einem „erhöhten Angebot von Informationssubvention“
und einem kommunikativen Ungleichgewicht“. Zumal im Verlauf der Zunahme
der Zahl der PR-Tätigen die Zahl der Journalistinnen und Journalisten
und die Redaktionsbudgets abgenommen haben. „PR ist immer und überall
zur Stelle. Es gibt keine unprofessionellen Informationsquellen mehr.“
René Grossenbacher (Publicom AG; „Die Medienmacher“, 1986, eine
Untersuchung des PR-Einflusses wirtschaftlicher und politischer
Akteure) lieferte mit seiner Studie „Politische Öffentlichkeitsarbeit
in regionalen Medien“ (2005/2006) im Auftrag des Bakoms die Hard-Facts:
In den untersuchten Kantonen St.Gallen und Zürich sehen sich die
Medienvertreter jährlich etwa 400 bis 500 Meldungen der kantonalen
Administrationen gegenüber. Die Primärtexte sind stark mit
Interpretationen durchsetzt; nur 16 Prozent der Texte sind neutral
bezüglich der Veranstalter, in 83 Prozent der Fälle waren in den Texten
positive Qualifikationen enthalten. Diese Texte wurden in der Mehrheit
der Fälle entweder unverändert (11 Prozent) oder gekürzt übernommen (42
Prozent). Überarbeitet übernommen wurden sie in 34 Prozent der Fälle.
Nur ein geringer Primärtextbezug fand sich in bloss elf Prozent der
Fälle, zumal wenn an der PK wenig vorbereitetes Material abgegeben
wurde. Dabei bearbeiten die zentral rezipierten Zeitungen die Texte
noch am ehesten. Online-Medien übernehmen Texte am häufigsten copy
paste. Erst noch wurde in vielen Fällen die Quelle teils oder ganz
verschleiert, damit’s nach Eigenrecherche aussieht. Eine korrekte
Quellennennung bzw. Darstellung des Entstehungszusammenhangs gab’s nur
in jedem fünften Fall.
In den Texten angelegte positive Reputationen – in der Sprachregelung
von Urs Paul Engeler „vorgefertigte“, allenfalls auch immer gleiche,
„Logiken“ der politischen Akteure – übertragen sich also ziemlich
problemlos. Zu Grossenbachers Ergebnissen verhielt sich der Bericht von
Tagungsreferent Ueli Scheidegger (Leiter des Amts für Information des
Kantons Bern, vormals „Berner Zeitung“ und Regionaljournal Bern SR DRS)
kohärent. Die Berner Behörden brachten jährlich 600 Medienmitteilungen,
haben den Output inzwischen auf 400 Meldungen „verwesentlicht“ und die
Texte auch längenbeschränkt. Die Informationsstellen wurden in den
letzten 20 Jahren aber ständig auf- und ausgebaut. Die professionelle
Aufbereitung der Information nahm zu.
So stehen sich die zwei Positionen doch nicht ganz aufgelöst gegenüber
gegenüber. Der PR-Druck ist massiv. Angesichts von Ressourcenknappheit
bei den Medien ist er umso prekärer. Allerdings hängt’s dann von den
Journalistinnen und Journalisten ab, was sie ihm entgegensetzen. Die
Praktikerinnen und Praktiker an der Tagung formulierten es schliesslich
ganz einfach: „Vereinnahmungsversuche im Journalismus gab es immer“
(Daniela Decurtins). „Es kommt drauf an, wie man damit umgeht; ob man
darauf einsteigt“ (Tenor der anderen Redaktionsvertreter).
A propos Ressourcenknappheit: Mehrfach wurde an der Herzberg-Tagung –
die sich inzwischen gut etabliert hat – darauf hingewiesen, dass man
sich die Zeit für „einen Tag Berufsdebatte“ (Vereinspräsident Philipp
Cueni) nicht überall nehmen kann. Zumindest für die Anwesenden dürfte
sich der Wunsch von Cueni („Sie mögen etwas in die Praxis hinüber
nehmen“) erfüllen: Mindestens die Tagungsteilnehmenden dürften etwas
fundierter auf Vereinnahmungen durch PR sensibilisiert sein. Armin
Scholl aber mag noch etwas nachhallen: Der reine
Informationsjournalismus, der Information quasi systemisch als objektiv
und neutral versteht und transportiert, biete der PR ein Einfallstor
wie ein trojanisches Pferd und könne aufgrund dieses Verständnisses zum
Verlautbarungsjournalismus verkommen. Es geht also vermehrt um
„geprüfte“ denn lediglich als „objektiv übernommene“ Faktizität, um
Recherche- versus Infojournalismus. Dies allerdings ist dann wieder
eine Ressourcen- (und Erfahrungs-)frage.
Autor: Michael Walther, Vorstandsmitglied Verein Qualität im Journalismus/www.quajou.ch
Dokumentation zur Tagung
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