Verein Qualität im Journalismus

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Medienberichte

© www.zoomonline.ch; 9.11.05

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Von Spin Doctors, Analysten und Totenmasken


Googeln ist keine Recherche. Pressemitteilungen abtippen auch nicht. Was dann? Oder wüsste man es zwar, aber das Geld, die Zeit und der Mut fehlen einfach zur Recherche? An der Herzberg-Tagung in Basel des Vereins „Qualität im Journalismus“ suchten Edelfedern nach Antworten.

Dani Glaus

Der FAZ-Korrespondent in Genf, Konrad Mrusek, sagte es den Schweizer Kollegen direkt ins Gesicht: „Die Schweizer Journalisten haben Beisshemmungen“. Die Enge des kleinen Landes und die „Duzi-Kultur“ trügen dazu bei, dass es zwischen den Medienschaffenden und den Politikern, Unternehmensführern und Analysten zu wenig Distanz gebe. „Wie die Schweiz selber, will der hiesige Journalismus nicht glänzen, sondern sucht das Mittelmass“, so Mrusek – es wurde bedächtig still unter den Zeitungsjournalistinnen, Chefredakteuren und Fernsehmoderatoren, die gekommen waren, um sich gegenseitig Mut zu machen, damit „wieder mehr“ recherchiert werde, trotz dem alltäglichen Kampf mit der Sende-Deadline, der erst halb vollen Seiten und den Auflagezahlen sowieso.

Neid auf den Spiegel

Für seine aufwändig recherchierten Geschichten legendär ist das Deutsche Magazin „Der Spiegel“. Der Leiter des Deutschland-Ressorts, Clemens Hoeges, machte klar, was es für eine gute Recherche braucht: Zeit, Fleiss und Zähigkeit sowie die ständige Pflege von Kontakten und im entscheidenden Moment die Menschenkenntnis, um Interessen von Einzelpersonen erkennen und für sich nutzen zu können. Akribisch dokumentierte Hoeges die viermonatigen Recherchen eines Spiegel-Redakteurs, der auf die Spur eines verstorbenen Mediziners gestossen war, der die RAF-Terroristen Baader, Ensslin und Raspe 1977 obduziert und von deren Gesichtern Totenmasken aus Gips gemacht und als Trophäen behalten haben soll. Pikant an der Geschichte war ausserdem, dass der ehemalige Waffen-SS-Mann seine Nazi-Vergangenheit verschleiert und so zu einem angesehenen Professor aufsteigen habe aufsteigen können. Clemens Hoeges machte an diesem Beispiel fest, was Recherchieren heisst: Die Aussage der Söhne des Nazi-Professors peinlich genau nachzuprüfen. In diesem Fall bedeutete dies, über 150 Telefonate führen oder mehrmals durch ganz Deutschland reisen für ein kurzes persönliches Gespräch; tagelange Knochenarbeit für schliesslich zwei bis drei Zeilen im Heft. Und das sei übrigens eine „mittlere Kiste“ gewesen, meinte Hoeges lakonisch. Dass das Spiegel-Deutschland-Ressort mit dreissig Redakteuren pro Woche „nur“ sieben bis acht Artikel realisieren muss, bezeichnete das teilweise etwas neidische Publikum zu Recht als Sonderfall für Medienredaktionen.

Bildschirmverbot für Analysten

CASH-TV-Moderator Daniel Hanimann beantwortete die Hauptfrage der Tagung, „Recherchieren – Schlagwort oder mehr?“, mit einem überzeugten Ja. Was dieses „mehr“ für ein Wirtschaftsmagazin am Fernsehen heissen kann, zeigte er an zwei eigenen Beispielen. Weil Analysten zwar hoch gebildet und auch hoch bezahlt, aber eben immer Kunden von Unternehmen seien, habe er bei seinem Antritt bei Cash die Analysten aus der Sendung verbannt. Die Abhängigkeit der Medienredaktionen von Wirtschaftsanalysten hat für Hanimann einen einfachen Grund: „Welche Wirtschaftsjournalisten können komplexe Bilanzen lesen? Wer von uns würde noch eine Mittelflussrechnung zu Stande bringen?“ Wenn die Kompetenz in den Redaktionen fehle, mache man sich eben abhängig von Analysten oder PR-Leuten, die sich für Recherchen gerade nicht eigneten. Für Wirtschaftsredaktionen komme hinzu, dass das Publikum im Vergleich zu Politik oder Sport über wenig Vorwissen verfüge. Man müsse daher auf die Stärken des Fernsehen setzen: „Stimmungen, Atmosphären und Emotionen. Doch dafür sind wir auf die Protagonisten angewiesen; die Leute müssen mit uns kooperieren, und sonst kriegen wir sie nicht vor die Kamera“. Dies bedinge einerseits, die Gratwanderungen zwischen Anstand und Zupacken zu finden. (Vielleicht meinte Mrusek gerade das mit „Beisshemmungen“). Andererseits hiesse es auch, sich vor dem Dreh zu überlegen, was wo passieren könnte, damit man dann eben gerade dann vor Ort sei. Wenn man das schaffe, „right time right place“, dann könne man mit der Kamera die Recherchen so weiter treiben, dass man mehr Relevantes herausfinde als andere Medien.

Der „amerikanische“ Weg

Besonders gravierend sei für Wirtschaftsredaktionen „die PR-Armada“. Für alle möglichen Fragen der Journalistinnen gäbe es auf den Kommunikationsabteilungen der Unternehmen garantiert bereits Antworten. Doch die Kapazitäten der Redaktionen reichten einfach nicht aus, um die Aussagen zu überprüfen. Deshalb sei der Schweizer Wirtschaftsjournalismus „leider zu unkritisch“, so Daniel Hanimann. Über ökonomische Zwänge berichtete auch der freie Journalist Sepp Moser. Doch statt zu klagen, bezeichnete er sich als „amerikanisch“, was heisse, dass er eben auch Unternehmer sei. Der Aviatik-Experte – er sei einer von „cirka zwei Millionen in diesem Land“ – gilt als typisches Beispiel eines Fachjournalisten. Und ein solcher könne jeder werden, meinte Moser, denn „jeder ist irgendwo besser, als alle anderen“. Doch das Leben als freischaffender Journalist sei härter geworden, weil die Redaktionen, seit Jahren unter Spardruck, zuerst bei den Honoraren der Freien sparten. Moser machte gemäss seinen Schilderungen die Not zur Tugend: Kann er einen Artikel nicht zu „einem angemessenen Preis“ an eine Zeitung verkaufen, so verkauft er sie an PR-Leute „der Szene“, wie er das weite Feld von Unternehmen und Organisationen bezeichnet, die mehr oder weniger mit der Luftfahrt verbunden sind. Die so genannten „spin doctors“ würden dann die für ihren Auftraggeber positiven Fakten herauspicken und sie an Journalisten als „exklusive Primeurs“ durchsickern lassen. Für Sepp Moser kein berufsethisches Problem, denn Anwälte würden ja auch „hier einen Mörder vertreten und da in der Anklage sitzen“; nur nie beides im gleichen Fall, das sei entscheidend, so Moser. Und diese Praxis heisse auch nicht, dass er sich „von der Szene“ einbinden lasse. So bezahle er „als einer der Wenigsten“, seine Flugtickets, das Hotel und selbst das Bier mit dem Airline-CEO, immer selber. Denn neben der Kompetenz, müsse man sich als Experte vor allem auch Respekt verschaffen. Und aus Respekt werde mit der Zeit Akzeptanz, welche wiederum zu Informationen führe – welche er als recherchierender „Hand- und Kopfwerker“ dann veredeln könne, stellte Sepp Moser klar.

Hoffnung in die jungen Journalisten

Der ökonomische Druck auf die Redaktionen hat aber neben dem, dass man sich lieber Informations-Häppchen von der „PR-Armada“ (Hanimann) vorwerfen lässt, anstatt selber Geld für Recherchen auszugeben, einen weiteren Aspekt: Hans Leyendecker, Autor der Süddeutschen Zeitung, zitierte eine Studie, wonach bei über 85 Prozent von untersuchten Zeitungsartikel die fundamentale 2-Quellen-Regel nicht eingehalten wurde. Dies geschähe aber nicht aus bösem Willen, sondern schlicht weil man nicht mehr die Zeit hätte, Aussagen aus Telefongesprächen, Angaben in Pressemitteilungen oder das Google-Suchresultat zu überprüfen, meinte Leyendecker. Journalisten müssten die Grundhaltung „Zweifel, Skepsis und Distanz“ haben. Gerade auch deshalb, weil immer mehr Inserenten versuchten, Einfluss auf den redaktionellen Teil der Zeitungen zu nehmen, sei es wichtig, die jungen Journalisten zu dieser Haltung zu motivieren und ihnen auch die nötigen Arbeitsbedingungen sicherzustellen.

Wo also bleibt an der HSW das Fach „Recherchieren als Wirtschaftsjournalist/in“? Vielleicht wäre damit die HSW bald einmal Gewinnerin des „Qualitäts-Awards“ des Vereins „Qualität im Journalismus“!

Weiteren Informationen zu den diesjährigen Gewinnern des Awards: www.qualitaetjournalismus.ch

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