Verein Qualität im Journalismus

Zierbild

Startseite | Impressum | Sitemap | Kontakt

Medienberichte

© Neue Zürcher Zeitung; 11.11.2005; Seite 61; Nummer 264

Medien und Informatik

Recherchieren, rapportieren, referieren

Eine Tagung des Vereins Qualität im Journalismus


Stadler R.

ras. Nicht vor, aber von dem «Spiegel» darf man träumen. Zumindest als Journalist, der recherchieren will. Eine Woche lang war ein Reporter des deutschen Nachrichtenmagazins unterwegs, um eine Information hieb- und stichfest zu machen, die dann im Artikel gerade einmal zwei Zeilen Text beanspruchte. Drei weitere Zeilen erforderten noch eine Woche Recherchenarbeit. Insgesamt vier Monate dauerten die Nachforschungen für einen Artikel, der letztlich drei Seiten umfasste. Er erschien vor drei Jahren und berichtete über den Mann, der die RAF-Terroristen Baader, Ensslin und Raspe obduzierte und während des Zweiten Weltkriegs ein SS-Angehöriger gewesen war. Den Anstoss gaben die Söhne des Gerichtsmediziners, die den Journalisten Jürgen Dahlkamp unterrichteten. Dieser überprüfte danach die Aussagen der Brüder minuziös.

Von der Gründlichkeit einer «Spiegel»-Recherche berichtete der Leiter des Deutschland-Ressorts, Clemens Hoeges, anlässlich einer Tagung, die der Verein Qualität im Journalismus zu diesem Thema in Basel durchführte. Er legte am konkreten Beispiel dar, was dies bedeutet: die Interessenlage der Auskunftspersonen berücksichtigen; die Quellen gut informiert zum richtigen Zeitpunkt anzapfen, damit sie nicht versiegen; mit Beharrlichkeit und Phantasie schwer überprüfbare Daten ausgraben und dabei selbstkritisch gegenüber den eigenen Ergebnissen bleiben. In Hoeges' Ressort arbeiten dreissig Personen; wie er sagte, gibt es keine Ressourcenknappheit bei der Abklärung von Sachlagen - dieser Tagungsbericht erfolgt allerdings mit der demütigen Einschränkung, dass das Gesagte nur rapportiert wird, aber nicht nachrecherchiert beziehungsweise überprüft wurde.

Beim «Spiegel» scheinen geradezu idealtypische Verhältnisse zu herrschen, wie es sie wohl nur noch bei ein paar amerikanischen Edelblättern gibt. Das Nachrichtenmagazin macht diese Investitionen, weil es sich nur mit exklusiven Berichten von der Konkurrenz abgrenzen kann. Andere Blätter werden allerdings gekauft, ohne dass sie derart viel Geld zur Ermöglichung gründlicher Recherchen in die Hand nehmen müssten. Qualität allein garantiert nicht den Markterfolg. Und angesichts geschmälerter Anzeigeneinnahmen fühlen sich etliche Verlage gezwungen, die redaktionellen Kapazitäten zu verknappen.

Was dies bedeutet, verdeutlichte der Aviatikspezialist Sepp Moser. Die Sonntagsblätter wollten zwar exklusive Geschichten publizieren, ohne jedoch die freien Journalisten entsprechend bezahlen zu wollen. Moser begibt sich deshalb auch auf Gratwanderungen. Wie er sagte, verkauft er seine Informationen zu einem besseren Preis auf dem Markt der Aviatik-Unternehmen, welche dann die Informationen gemäss ihren Interessen der Sonntagspresse anzudrehen versuchen. So schliesst sich der Kreis . . .

Trotz dieser Möglichkeit zur Gewinnmaximierung will Moser nicht auf journalistische Tätigkeiten verzichten, weil dies für ihn eine Herzensangelegenheit sei. Er hält es für entscheidend, sich eine Nische zu schaffen. Wer dann «ernsthaft, intensiv und dauerhaft» arbeite, verschaffe sich dank Kompetenz Respekt in der Branche, was wiederum den Zugang zu guten Informationen erleichtere. Aber eben: Die Refinanzierung durch rein journalistische Betätigung bleibt prekär, besonders in Zeiten, wo Aviatik-Themen kaum Schlagzeilen generieren. So entstehen publizistische Grauzonen.

Bei ihrem Neustart im vergangenen Jahr führte die «Basler Zeitung» ein vierköpfiges Ressort Recherchen und Reportagen ein. Dessen Leiter, Christian Mensch, sieht diese Neuerung als Rauchzeichen. Gegen innen und aussen sollte dokumentiert werden, dass auch eine regionale «Monopolzeitung» unvoreingenommenen, unabhängigen Journalismus pflegen müsse und nicht einfach die Handlungen der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Akteure verlautbaren dürfe. Recherche sei allerdings keine publizistische Sonderzone, sondern gehöre zum Rüstzeug des Journalisten. Vielen Kollegen fehle es indessen an den entsprechenden Fähigkeiten.

PS: An der Tagung war kein einziger Vertreter eines Tamedia-Titels zu sehen, wohl aber der designierte Verwaltungsratspräsident Pietro Supino. Ist er neugieriger als seine Journalisten?

Preis für Wissenstransfer


Schweiz. Depeschenagentur

(sda) Das European Journalism Observatory (EJO) der Università della Svizzera Italiana erhält den Medien-Award 2005. Der Verein Qualität im Journalismus vergibt diese Auszeichnung zum dritten Mal. Das EJO betreibt Medienforschung, kümmert sich aber vor allem um den Forschungstransfer und arbeitet dabei mit der «Neuen Zürcher Zeitung», dem «Corriere del Ticino» und Medienfachzeitschriften zusammen. Ihnen liefert es Fachartikel. Ausserdem macht es die journalistischen Arbeiten auf seiner Website in Deutsch, Italienisch und Englisch zugänglich. Das EJO erziele dabei hohe Synergien, teilte die Jury mit. Das EJO leiste einen Beitrag zur Bereicherung des Medienjournalismus. Es handle sich um eine «intelligente Weise des Outsourcing». Anerkennungen erhielten der «Beobachter» für sein Handbuch und sein Instrument fürs Redaktionsmanagement («E-Tool»), Schweizer Radio DRS für sein Leitbild und das «Bieler Tagblatt», bei dem eine Blattkritik schon vor dem Andruck erfolgt.

  nach oben
 

© verein qualität im journalismus, 2005 · info@quajou.ch