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„Carte Blanche“ von Carl Just20.10.2008It was about time – aber lieber spät als gar nie!
von Carl Just„The curiosity kills the cat“ – die Neugierde ist der Tod der Katze –, sagt ein Sprichwort aus Nigeria. Demnach lebt jeder gefährlich, der zu viel wissen, der zu viel sehen will. Unser Dilemma als Reporter ist, dass wir nur dann wirklich gut sind, wenn wir alles wissen wollen, alles mit eigenen Augen sehen wollen. Somit lebt jeder wirklich gute Reporter gefährlich, kann und darf sich nicht an die weise nigerianische Warnung halten. Sonst ist er kein guter Reporter mehr, verkommt zum Schreibtischtäter, wird einer der vielen in unserer Branche, die glauben, das Leben finde im Internet statt und Google habe die Antworten auf die drängenden Fragen unserer Welt, unserer Zeit. „Nichts ist erregender als die Wahrheit“, hat Egon Erwin Kisch geschrieben, der erste rasende Reporter des Medienzeitalters. Für mich war und ist genau dies das Motto meiner Arbeit. Hingehen, hinschauen, berichten, analysieren – nur wer selber gesehen hat, was abgeht, zum Beispiel in einem Krieg, kann auch eine eigene Meinung haben. Nur er kann sich wehren gegen die Interessengruppen und Lobbyisten, die in jedem Konflikt versuchen, die Wahrheit zu manipulieren. „Die Neugierde ist der Tod der Katze“ und „Nichts ist erregender als die Wahrheit“ – das ist der Widerspruch, in dem der Kriegsreporter , aber auch der gute investigative Crime-Berichterstatter lebt, leben muss. Vielen, allzu vielen, Kollegen und Kolleginnen ist diese Neugierde, diese Suche nach der erregenden Wahrheit, zum Verhängnis geworden. Sie sind den Tod der Katze gestorben. Mögen sie in Frieden ruhen. Andere sind an dem Widerspruch zerbrochen, haben sich zu Tode gesoffen, sich mit Tabletten und Drogen vergiftet, sich schliesslich die Kugel gegeben. „Du musst auch mit dem Teufel reden, wenn du den Opfern helfen willst“, sagen die Delegierten des Internationalen Komitee des Roten Kreuzes IKRK, wenn der Reporter sie fragt, wieso sie ihre gefährliche Arbeit zwischen allen Fronten machen. Und im eingekesselten Sarajevo haben sich die Zivilisten bei uns Journalisten bedankt dafür, dass wir uns immer wieder in diese Hölle wagten, wo Tag für Tag 90, 100, 110 Artilleriegranaten in die Stadt regneten und Scharfschützen aus den Bergen auf harmlose Fussgänger zielten und feuerten. Und sie sagten: „Weisst du, das Schlimmste, was uns hier passieren könnte, ist, dass die Welt uns vergisst. Dass niemand weiss, was hier geschieht“. Das hat uns, die guten Reporter, motiviert, die eigene Angst immer wieder hintan zu stellen und trotzdem wieder reinzufliegen. Helm auf und was ist schon das bisschen Rückenweh von der schweren Panzerweste? Kriegsreporter – und Kriegsreporterinnen selbstverständlich eingeschlossen – sind Machos, sehen sich gern als unverletzbar, als unerschrockene, unbestechliche Zeitzeugen. Helden, die zur Hölle fahren, um zu berichten, was ist und die, wenn’s sein muss, auch mal mit dem Teufel reden. Erst in den letzten 15 Jahren hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass auch die Seelen von Journalisten verletzlich sind. Nicht nur die von Kriegsreportern, auch die von Kollegen, die in Überdosis über Verkehrsunfälle, Familientragödien oder Katastrophen berichten. Oder die, die sich bei Recherchen gegen Mächtige und Mafiosi zu weit vor wagen. Die Schweiz ist eine Insel des Friedens, eine Insel der Glückseligen in dieser Welt. Deshalb verwundert es nicht, dass traumatisierte Journalisten hier lange, allzu lange, kein Thema waren. Anders als in den USA, wo dieses Problem schon Anfang der 1990-er Jahre erkannt und professionell angegangen wurde. Länder wie Grossbritannien, grosse News-Organisationen wie die BBC, folgten, stellten ihren besten und exponiertesten Journalisten, Kameraleuten und Fotografen professionelle Hilfe zur Verfügung. Jetzt, endlich, macht der Verein Qualität im Journalismus das Leiden der Berichterstatter nach dem Bericht auch bei uns zum Gegenstand ernsthafter Auseinandersetzung. Dafür gebührt ihm der Dank von uns allen, von welcher Front wir auch immer berichten. Ich habe mir selber in 22 Jahren an der Front schwere Posttraumatische Belastungsstörungen zugezogen, eine unangenehme Krankheit der Seele, die mich an den Rand des Wahnsinns trieb. 20 Jahre lang fand kein Arzt, kein Psychiater einen Namen für mein Leiden. Ein BBC-Kollege erzählte mir bei einem Abendessen in Bagdad eher zufällig vom professionellen Betreuungsprogramm, welches seine News-Organisation besonders exponierten Journalisten zukommen lässt. Beim nächsten Zusammenbruch wusste ich, wo ich Hilfe suchen musste – und auch fand. Bei www.dartcentre.org, einer weltweiten Organisation von und für traumatisierte Journalisten. Und siehe da, mit der diesjährigen Herzberg-Tagung wird „Berichten über das Leid – Leiden nach dem Bericht“ auch in der verschlafenen Schweiz zum Thema. It was about time – aber lieber spät als gar nie! Carl Just, 52, arbeitete von 1982 bis 2004 für den „Stern“ und für verschiedene Ringier-Titel als Reporter und Kriegsberichterstatter aus den Konflikten und Kriegen im Nahen und Mittleren Osten, in Ex-Jugoslawien, Südafrika, Somalia, Ruanda und Liberia. Zuletzt berichtete er aus den Kriegen in Afghanistan und im Irak. In der Folge eines schweren Zusammenbruchs im Jahre 2004 wurde er von seinem Arbeitgeber entlassen. Die von Just angestrebte arbeitsrechtliche Auseinandersetzung mit Ringier wurde kürzlich vor dem Arbeitsgericht in Zürich mit einem Vergleich beigelegt. |
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© verein qualität im journalismus, 2005 · info@quajou.ch |
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