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„Carte Blanche“ für Marlis Prinzing05.01.2009Von Leid-Medien und Leitmedien
von Marlis PrinzingWelch ein Jammer! Die Jungen mögen keine Zeitungen mehr. Menschen sind bereit, immer mehr für Cappuccino und Designerjeans zu bezahlen, aber möglichst nichts für Informationen. Die Anzeigenmärkte brechen ein, Verleger fuchteln mit dem Rotstift, Journalisten fürchten um ihre Arbeitsplätze, allenthalben wird wild experimentiert und viel fehlinvestiert. Ohne Zweifel: Es herrscht Leid in den Medien. Drei Zurechtrückungen, die beitragen könnten, wieder Horizonte zu sehen. Erstens: Der Auflagenrückgang der Kaufzeitungen wird nicht durch den Auflagengewinn der Gratiszeitungen verursacht. Einen Beleg liefert, dass in Ländern wie Deutschland, wo es kaum Gratisblätter gibt, die Kaufpresse mit ähnlicher Geschwindigkeit in den Keller fährt. Das heisst: Wer ein Kaufblatt hat, steckt sein Geld besser direkt dort rein. Tatsächlich aber investieren etwa die Tamedia, die „Berner“ und die „Basler Zeitung“ in das gemeinsame Gratisblatt „news“. Gleichzeitig steuern sie ihre (Kauf-)Flaggschiffe auf Sparkurs. „Finanziert“ werden solche Abenteuer der Verleger durch Köpfe in den Redaktionen. Der „Tages-Anzeiger“ (Tamedia) benennt das hübsch: Er will sich „neu erfinden“. Der Redaktion der „Basler Zeitung“ wurde eine Zahl vorgesetzt: Sie soll 2009 weitere 15 Prozent des Redaktionsbudgets einsparen. Das übersetzt sich: Kündigungen bei gleichem Qualitätsanspruch an die verbleibende Redaktion… Zweitens: Bislang gibt es kein Onlinemodell, das als Geschäftsmodell für Qualitätsjournalismus rentiert. Ein recherchierender Journalismus im Internet lässt sich aus dort erzielbaren Einnahmen nicht finanzieren. Dennoch wird die Aufmerksamkeit der Publika systematisch umgelenkt ins Internet. Und dennoch wird recht bereitwillig investiert – etwa in das im Sommer 2008 geschaltete „newsnetz“ von „Tages-Anzeiger“, „Berner“ und „Basler Zeitung“... Drittens: Keiner zieht das politische System der Demokratie grundsätzlich in Zweifel. Dieses aber benötigt die Medien, um die Mächtigen und Einflussreichen zu beobachten, zu kontrollieren, zu kritisieren und zu enthüllen, wenn etwas in eine Schieflage gerät. Medien helfen mündigen Bürgerinnen und Bürgern, aktiv an der Demokratie teilzuhaben. Dafür braucht eine Demokratie aber nicht nur irgendwelche Medien, sondern Leitmedien. Als Leitmedien seien jene definiert, die eine bedeutende Rolle und weitreichenden Einfluss haben in einer demokratischen Gesellschaft, in der Deutschschweiz im Print etwa „Neue Zürcher Zeitung“, „Tages-Anzeiger“, „Der Bund“, „St. Galler Tagblatt“, im elektronischen Bereich die dem Public service verpflichteten Häuser Schweizer Fernsehen und Schweizer Radio DRS. Der Zürcher Kommunikationswissenschaftler Otfried Jarren schreibt Leitmedien eine allgemein bekannte politisch-gesellschaftliche Grundhaltung zu. Sie spiegeln und vermitteln gesellschaftliche Interessen. Er sieht Leitmedien als eine Art von Qualitätsmedien. Sie sind zugleich Referenz und Informationsquelle für die Meinungsführer einer Gesellschaft: „Das habe ich in der ,NZZ`gelesen…“. Es gibt aber auch Leitmedien, deren Qualität eher boulevardesk oder gar mittelmässig ist. Und es gibt Qualitätsmedien wie die „Wochenzeitung“ oder „Le Monde diplomatique“, die keine Leitmedien sind, weil ihre Wirkungsmacht den gesellschaftlichen Diskurs nur wenig beeinflusst. Leitmedien prägen die Sicht im In- und Ausland auf die Dinge. Ihre Redaktionen beobachten, kommentieren, bringen Themen auf den Tisch und sichern ihre Leistungskraft durch Eigenständigkeit und Unabhängigkeit – bei redaktionellen Entscheidungen und beim Ressourceneinsatz… Jedenfalls sollte es so sein. Das Leid der Leitmedien besteht darin, dass die Wirklichkeit anders aussieht. Teils haben sie offenbar Mühe, ihre Funktionen wahrzunehmen, teils wird der nötige Rückhalt in Frage gestellt. Vier Beispiele. 1. Finanzkrise. Nicht nur die Banken sind schuld, nicht nur die Politik scheint nicht recht zu kapieren, wie das Wirtschaftssystem funktioniert. Auch die Medien (darunter auch die Leitmedien) haben ihre Kontroll- und Warnfunktion vernachlässigt. Alle, auch eher links stehende sowie solche, die mit hoher Sachkompetenz für sich werben, erzählten die Märchen von der endlosen Geldvermehrung an der Börse… 2. Bundesratswahl. Auch Leitmedien präsentierten sich staatstragender als die Politik und versäumten es, zu hinterfragen und Alternativen aufzuzeigen. Als die SVP nach dem Rücktritt von Bundesrat Samuel Schmid zwei Vertreter des radikalen Flügels, Christoph Blocher und Ueli Maurer, ins Rennen schickte, kommentierten auch viele Leitmedien: Man könne nach der Nicht-Wiederwahl Blochers im Vorjahr zwar diesen nicht mehr wählen, müsse aber Maurer die Stimme geben, um die Konkordanz (und damit – unausgesprochen – letztlich das System) zu erhalten… 3. Journalistenschelte. Als die „SonntagsZeitung“ und der „Sonntagsblick“ ihre Kritik- und Kontrollfunktion erfüllten, indem sie das private Verhalten von Armeechef Roland Nef aufdeckten, das zweifeln liess, ob er seinem Amt gewachsen war, gerieten zunächst sie, nicht er ins Kreuzfeuer… 4. Innere Pressefreiheit. Verlegerpräsident Hanspeter Lebrument empfiehlt mittlerweile seinen Kollegen, sich stärker in den Redaktionen einzumischen – eine Spitze gegen die redaktionelle Freiheit, die gerade für Leitmedien existenziell ist… Was bleibt übrig? Wir müssen die Leitfunktionen der Leitmedien einklagen. Dazu wäre eine fest installierte Medienkritik nützlich, die die Medien beobachtet: Als Kontrolle und zum Schutz ihrer Aufgaben. Doch in den letzten Jahren wurden in allen Publikumsmedien Textumfänge und Stellenprozente für Medienthemen markant reduziert; Leuchttürme wie den „Klartext“ gibt es eigentlich nur für ein Fachpublikum. Jeder kann aber bei sich anfangen – indem er engagierten Journalismus wertschätzt und ihn sich wert ist. Auch ein Vorsatz für 2009. Marlis Prinzing ist Freie Journalistin und Kommunikationswissenschaftlerin (Unis Fribourg, Lugano, Bern, Tübingen). |
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