Verein Qualität im Journalismus

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"Carte Blanche" für Enrico Morresi

10.05.2010

Die Konferenz Investigativjournalismus hat Mut und Hoffnung verliehen



Enrico Morresi

Original auf Italienisch im Anschluss an die deutsche Übersetzung

Die Konferenz Investigativjournalismus vom 22. bis 25. April 2010 in Genf ist zu einem Fest geraten. Wer noch daran glaubt, dass unser Berufsstand nicht an der Sauerstoffflasche hängt, sondern lebendig und vital ist und vor allem noch in der Verfassung, den Informationsbedürfnissen der Bevölkerung zu entsprechen, der oder die verliess diesen Anlass mit Gefühlen von Bewunderung, Dankbarkeit und Hoffnung. Einige Beispiele, bezogen aus den Zeugnissen, die von Journalisten aus aller Welt in Genf abgelegt wurden:

Der Widerstand von Zeitungen (der holländische “De Volkskrant”, dem britischen “Guardian”), Radiostationen (dem norwegischen NRK) und TV-Stationen (BBC) gegen die Druckversuche eines Petromultis, die Veröffentlichung einer Recherche über die illegale Giftmülldeponie in der Dritten Welt sowie in den Nordseefjorden. Eine einzige Zeitung konnte den Drohungen von juristischen Beschwerden nicht widerstehen, das Gros der Presse hingegen hat bei der Verteilung der Recherche an viele Medien alle Hindernisse überwunden.

Die zwei Arbeitsjahre eines Journalisten der “New York Times”, um Licht in die Manöver des Pentagon zu bringen, die Kommentare der amerikanischen Radio- und Fernsehstationen über den Irakkrieg zu beeinflussen. Pensionierte Generäle, die von den Medienunternehmen als “Konsulenten” angestellt waren, um “das Kriegsgeschehen zu erläutern” wurden in der Tat souffliert von Mails des Verteidigungsministeriums. Auf der Basis eines Gesetzes über Transparenz innerhalb der Administration musste das Pentagon die Abläufe dieser Beeinflussungen öffentlich machen. Das Resultat: Die amerikanische Bevölkerung weiss, dass ein zweiter Krieg bestand, der nicht gegen den Feind gerichtet war, sondern an der  heimischen Front gegen die Wahrheit geführt wurde.

Der Kampf Roberto Savianos gegen die Mafia. Der neapolitanische Soziologe und Journalist kann keine weiteren Recherchen auf dem Gebiet mehr unternehmen, weil sein Leben bedroht ist (fünf Bodyguards begleiteten ihn selbst in Genf!). Jetzt arbeitet er mit “sekundären” Quellen wie Prozessen, Kronzeugen der Mafia sowie Verhör- und Untersuchungsprotokollen, die von Polizei und Behörden durchgeführt wurden. Mit welchem Ziel? Um weiter zu schreiben, um das Licht auf die kriminellen Machenschaften der Mafia nicht verlöschen zu lassen. Er hat die Mittel ausgetauscht, ist aber immer noch ein Journalist der Extraklasse!

Als einfacher Journalist könnte ich mich fragen: Du hast grosse Zeitungen zitiert, adäquate Mittel, entsprechende Spesen. Ich kann mir nie etwas Dementsprechendes erlauben: Der Verleger hat einige Redaktoren nach Hause geschickt; diejenigen, die noch in der Redaktion verblieben sind, machen alles; der „alte“ GAV unterstützt die Neuen nicht; die Erfahrenen gehen zur öffentlichen Hand oder in die Banken arbeiten, weil die besser bezahlen… 

Ich weiss, es ist wahr. Aber es ist nicht alles. Wie viel Geld geben unsere populären Zeitungen aus, um die geheimen Liebschaften von Barack Obama zu “dokumentieren”? Oder ist der Begriff “von öffentlichem Interesse” anders zu verstehen? Welches Mittelmass in der überall gleichen Regional- und Lokalberichterstattung! Gewiss, das ist bequemer für allen Beteiligten. Recherchen sind manchmal unangenehm auch für Chefredaktoren und Verleger. Und seltener sind mir Fälle bekannt, in den ein Journalist für einen oder zwei Tage pro Woche von der Routine befreit werden würde, auf dass er in den restlichen Tagen den Geheimnissen nachforschen würden, welche die öffentliche oder private Gewalt zu leicht besitzt. 

Gute Beispiele fehlen trotzdem auch in der Schweiz nicht. Die Zusammenarbeit des Fernsehens mit der KonsumentInnenorganisation etwa erlaubt eine wirksame Kritik der Produktions- und der Verkaufsbedingungen an die Kunden. “Kassensturz”, “À bon entendeur”, “A conti fatti” vollbringen Recherchen über die kleinen Alltagsdinge, die jedoch von öffentlichem Interesse sind. Die SRG profitiert dabei vom Umstand, dass sie von der Werbung der Firmen weniger abhängig ist. Und die Presse? Profitiert sie nicht auch von der eigenen Unabhängigkeit gegenüber den politischen Parteien?

Der Recherchejournalismus ist der höchststehende innerhalb des Journalismus. Sein Überleben hängt ab vom Mut der Verleger, Journalistinnen und Journalisten. Um bequem zu leben, gibt es andere Berufsstände.

Enrico Morresi

(Übersetzung M.Walther)


Enrico Morresi (1936) war Journalist und Ressortchef bei „Corriere del Ticino“ von 1958 bis 1981, danach Envoyé special der Televisione della Svizzera italiana, TSI, und von 1993 bis 1999 Chef „Wort“ bei SSR Radio Rete Due, Radio svizzera di lingua italiana. Er war Präsident des Verbandes Schweizer Journalisten 1980 bis 1982 und Mitglied des Schweizer Presserats von 1986 bis 1998. Seit 1999 ist er Präsident der Stiftung des Schweizer Presserats. Enrico Morresi ist Vorstandsmitglied des Vereins Qualität im Journalismus. Er hat zwei Bücher über Medienethik veröffentlicht: „Etica della notizia“ (Casagrande, Bellinzona, 2003) und „L’onore della cronaca“ (Casagrande, Bellinzona, 2008).

***

La Conferenza internazionale sul giornalismo di ricerca svoltasi dal 22 al 25 aprile a Ginevra è stata una festa! Chi ancora crede che la nostra professione non è… alla canna del gas ma è viva e vitale, e soprattutto è ancora in grado di rispondere al bisogno di informazione del cittadino, è uscito da quella Conferenza con sentimenti di ammirazione, di gratitudine e di speranza. Alcuni esempi, tratti dalle testimonianze offerte a Ginevra da giornalisti di tutto il mondo::

la resistenza opposta da giornali (l’olandese “De Volkskrant”, il britannico “Guardian”), radio (la norvegese NRK) e televisioni (la BBC) ai tentativi di pressione di una multinazionale del petrolio per evitare la pubblicazione di una ricerca sui depositi clandestini di scorie tossiche nel Terzo Mondo e nei fiordi del Mare del Nord. Un solo giornale non avrebbe resistito alla minaccia di procedure giudiziarie, la messa in comune della documentazione ha superato ogni ostacolo.

i due anni di lavoro di un giornalista del “New York Times” per portare alla luce le manovre del Pentagono per influenzare i commenti delle radio e delle televisioni degli Stati Uniti sulla guerra in Iraq. Generali in pensione assunti come “consulenti” dai media per “spiegare la guerra” in realtà erano imbeccati dalle “mail” del Dipartimento della difesa. In base a una legge sulla trasparenza amministrativa, il Pentagono ha dovuto rendere pubblico questo traffico di influenze. Risultato: il cittadino americano sa che una seconda guerra, contro la verità stavolta non contro il nemico, era condotta dal suo governo sul fronte interno.

la lotta di Roberto Saviano contro la mafia. Il sociologo e giornalista napoletano non può più fare inchieste sul terreno, perché la sua vita è minacciata (cinque guardie del corpo lo accompagnavano anche a Ginevra!). Adesso lavora con fonti “seconde”, come i processi, i pentiti di mafia, i verbali degli interrogatori e delle ricerche che gli passano la polizia e la magistratura. A che scopo? Per continuare a scrivere, per non spegnere la luce sulle attività criminose della mafia. Cambia il mezzo, ma è sempre un giornalismo di prima classe!

Mi potreste chiedere: hai citato grandi giornali, mezzi adeguati, spese in proporzione. Noi non potremmo mai permetterci tanto: l’editore ha lasciato a casa alcuni redattori, tutti ormai in redazione fanno di tutto, sempre più numerosi tra noi sono i precari che non hanno esperienza, i migliori vanno a lavorare nella pubblica amministrazione o nelle banche perché pagano di più… 

Lo so, è vero. Ma non è tutto. Quanti soldi spendono i nostri giornali popolari per “documentare” gli amori segreti di Barak Obama? O è in gioco una concezione distorta dell’interesse pubblico? Quanta mediocrità nelle notizie regionali e locali tutte uguali! Non sarebbe il caso di liberare un giornalista dalla “routine” per un giorno o due la settimana, perché indaghi dietro le quinte dei segreti troppo facilmente detenuti dai poteri pubblici o privati? 

Gli esempi buoni, anche in Svizzera, non mancano. La collaborazione della televisione con le associazioni dei consumatori, per esempio, permette una critica efficace delle condizioni di produzione e di vendita al cliente. “Kassensturz”, “À bon entendeur”, “A conti fatti” fanno ricerca sulle piccole cose di tutti i giorni, ma di evidente pubblico interesse. La SSR approfitta del fatto di essere meno dipendente dalla pubblicità. E la stampa scritta? Approfitta abbastanza della propria indipendenza dai partiti politici? 

Il giornalismo d’inchiesta è il grado più alto del giornalismo. Se sia ancora vivo dipende dal coraggio di editori e giornalisti. Per vivere comodi ci sono altre professioni…

Enrico Morresi

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