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„Carte Blanche“ für Iwan Rickenbacher01.01.2008Politik und mediale Inszenierung
von Dr. Iwan Rickenbacher1. Die AkteureMein Vor-Vorgänger als Generalsekretär der CVP war Martin Rosenberg. Er übte seine Funktion in Personalunion mit der des Bundeshausberichterstatters des „Vaterland“ aus, und im Ständeratssaal sass Raymond Broger, der sein politisches Handeln gleichentags im „Appenzeller Volksfreund“, dessen Redaktor er war, kommentieren konnte. Wie ich Ende der 80er Jahre Generalsekretär der CVP war, erklärten mir die CVP-Bundesräte Arnold Koller und Flavio Cotti im Januar des Wahljahres 1991, sie würden noch an der Delegiertenversammlung der Partei teilnehmen, ansonsten seien sie und ihre Kollegen für Wahlveranstaltungen nicht mehr abrufbar. Zwei Dinge haben sich radikal verändert. Zeitungen und ihre Journalisten haben sich von politischen Parteien entkoppelt, und Amtsträger, besonders Mitglieder von Exekutivbehörden sind zu den wichtigsten Identifikationspersonen ihrer Parteien geworden. „Medientauglichkeit“ ist zu einem Kriterium für die Auswahl politischer Spitzenkräfte geworden. Gleich geblieben ist die wechselseitige Abhängigkeit, die Interdependenz des Mediensystems und des politischen Systems. Beide, Journalisten und Politiker, unterziehen sich den gleichen Marktgesetzen, den gleichen Selektionskriterien, die für die Medien heute gelten. Offen ist, wer von den beiden Akteursgruppen den Wandel konsequenter vollzogen und damit die Rolle des Themensetzers, des „Regisseurs“, übernommen hat. 2. Der Kampf um die AufmerksamkeitPolitische Journalisten und Politikerinnen bzw. Politiker richten sich an Zielgruppen, die Informationen, Wahlempfehlungen oder Lösungsvorschläge nach ihren persönlichen und wandelbaren Präferenzen beurteilen. Die persönliche Bindung an eine politische Partei ist viel lockerer geworden, wie zum Beispiel die hohe Zahl der panaschierten Listen bei Proporzwahlen zeigen. Seltener geworden ist auch die dauerhafte Bindung an ein eigentliches „Leibblatt“. Parteienbindung und Leserbindung müssen permanent gepflegt werden. Die Folgen sind absehbar. Die Publikumsrelevanz kommt in der Perzeption von Medienschaffenden und Politikern oft vor der Themenrelevanz. Und das Publikum wird besonders aufmerksam, wenn der Inhalt, die Botschaft ungewohnt, kontrovers, personifiziert, skandalträchtig, emotionalisiert dargestellt wird. Jedes Thema, das solchen Kriterien entspricht, kann es auf die Titelseiten und in die Schlagzeilen schaffen und dies bei weitem nicht nur in jenen Medien, die als Boulevard bezeichnet werden. 3. Ist der politische Journalismus verkommen?Zunächst einmal ist festzuhalten, dass die Schweizer Medien im Vergleich zum Ausland einen erheblichen Aufwand betreiben, um über die Ereignisse der kantonalen und nationalen Parlamente und Exekutiven zu berichten. Die Tamedia-Titel „Tages-Anzeiger“, „SonntagsZeitung“, „20 Minuten“, „NEWS“, „TeleZüri“, „Radio24“, „Berner Zeitung“ und „Bund“ beschäftigen über 20 Medienschaffende allein im Zusammenhang mit der Bundeshausberichterstattung. Die Gewichtung politischer Themen erfolgt trotz der Tatsache, dass diese nicht zu den ersten Präferenzen den Leserinnen und Leser gehören: Am gefragtesten sind Gesundheitsthemen (interessieren drei Viertel der Leser stark oder sehr stark), das Lokal- und Regionalgeschehen (62%) und der Sport (52%). Nur rund jeder Vierte interessiert sich laut der aktuellsten Univox-Studie stark oder sehr stark für Politik und nur jeder Fünfte für Wirtschaftsthemen. Kritiker monieren trotzdem einer „Boulevardisierung“ des politischen Journalismus. Im Zentrum der Kritik steht weniger, dass geschickte Inszenierung und mediale Fokussierung auf Aktualität sowohl für politische Akteure als auch für die Medien zu einer „Win-Win-Situation“ führen können (der politische Akteur gelangt an die Öffentlichkeit, die Medien werden konsumiert), es geht vielmehr um den Preis, der sehr oft dafür bezahlt werden müsse: Komplexe Sachverhalte würden auf einige einfache Parolen herunter gestutzt. Ist diese Kritik gerechtfertigt? Teilweise ja, wie die Berichterstattung im Rahmen des vergangenen Wahlkampfes illustriert. Generalisierbar ist sie jedoch nicht, und die Verantwortung für diese Entwicklungen ist zudem nicht bloss der journalistischen Seite anzulasten. Die Medien sind nicht zuletzt auch ein Spiegel des „Inputs“, welchen sie von Seiten der politischen Akteure erhalten. Soweit diese mehr auf die Inszenierung als auf die Inhalte bedacht sind, würde es quasi an den Medienschaffenden liegen, Sachpolitik zu betreiben – und dies kann nicht deren Aufgabe sein. Andererseits sind Journalisten auch nicht dazu verdammt, all das weiterzureichen, was ihnen die Parteistrategen vorsetzen: Kritischer, fundierter, reflektierter Journalismus ist gefragter denn je, gerade in einer Zeit wo Wahlkämpfe mit der Fokussierung auf Personen oder auf lebende bzw. gezeichnete Symbole betreiben werden. Der Banalisierung der Politik setzt unser direkt demokratisches Entscheidungssystem allerdings klare Grenzen. Die Resultate der regelmässig durch die Bevölkerung getroffenen politischen Entscheide bieten Grund zu der Annahme, dass einem nicht unerheblichen Teil des „Publikums“ etwas anderes vorschwebt als blosser Boulevard und dass die Mehrzahl der Bürgerinnen und Bürger nach wie vor durch Politik und Medien in die Lage versetzt wird, ihren Entscheid vernünftig zu fällen. Dr. Iwan Rickenbacher, rickenbacher@schwyz.net, geboren 1943, nach dem Primarlehrerdiplom Studium Erziehungswissenschaften Universität Freiburg. 1975 bis 1988 Direktor des Lehrerseminars des Kantons Schwyz, 1988 bis 1992 Generalsekretär CVP Schweiz, seit 1993 Kommunikationsberater, Honorarprofessor Universität Bern seit 2000, Verwaltungsrat Tamedia seit 1996 und Stiftungsratspräsident des MAZ in Luzern. Dr. Iwan Rickenbacher kommentiert regelmässig Wahlvorgänge für die Medien. Unter anderem tat er dies für SF TV anlässlich der Bundesratswahlen 2007 sowie der Parlamentswahlen 2007. Dr. Iwan Rickenbacher schrieb diese „Carte Blanche“ exklusiv für den Verein Qualität im Journalismus, www.quajou.ch. |
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© verein qualität im journalismus, 2005 · info@quajou.ch |
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