| |||
![]() |
|||
Startseite | Impressum | Sitemap | Kontakt |
|||
|
|
„Carte Blanche“ für Guido Blumer02.03.2008Vom Wandel des geilen Wortes kritisch
Von Guido BlumerQualitätsjournalismus. Denken und schreiben über Geschehenes und Gedachtes. Relevantes für mündige Leserinnen und Leser: Kritischer Journalismus. Aber! Geil nennt man auch nicht mehr den Angsttrieb von gestressten Pflanzen, nicht mehr die Frau, die männliche Sinne durcheinanderbringt. Geil ist jetzt einfach cool. Und kritisch ist geil, quasi das Rückgrat unseres stolzen Berufsstandes. Doch wenn sich das Wort geil dem Sinn nach hat verändern können, weshalb sollte nicht auch die Deutung des Begriffs Kritik erweitert werden dürfen? Bedarf dazu besteht. Kritisch wird schon über Dauer als streng prüfend verstanden, als wissenschaftlich erläuternd, kunstvoll beurteilend. Auch als beanstanden, bemängeln, tadeln. Schreibende, die Kritik in diesem Sinne korrekt interpretieren und diese journalistisch konsequent umsetzen, brauchen sich indes nicht zu wundern, dass sie in leicht herabsetzendem Sinn als Kritikus bezeichnet werden, als Kritikaster gar oder kleinlicher Nörgler. So ist selbstverständlich nicht die gesamte Gilde, aber es gibt schon Haudegen, die ganz gerne Schaden anrichten. Wie um alles in der Welt kommt also der tippende Mister Mainstream dazu, die vierte Kraft über all die anderen Energien dieser Welt zu stellen und zu glauben, dass er vorbehaltlos alles besser weiss als diejenigen Menschen, welche in und ennet der ersten bis zur dritten Kraft wirken? Was bildet sich denn die journalisierende Madame Primeur ein, weshalb gerade sie die Unschuldsvermutung nicht zu anerkennen braucht? Mir machen sämtliche auf destruktive Weise abgefassten Geschichten zu schaffen, und mit Qualität hat solcherart berufliches Selbstverständnis höchstens im negativen Sinn zu tun. Es ist doch keine hohe Schreibkunst, einen subjektiven Verriss über eine Theateraufführung in die Tasten zu hauen; einen Gewerbler aus persönlicher Betroffenheit zu blamieren, der vom Umgang mit den Medien keine Ahnung hat; den politischen Entscheid einer auf Öffentlichkeit angewiesenen Stadtpräsidentin schamlos lächerlich zu machen. Beispiele bloss. Schlimmer noch ist’s, wenn eine Kellnerin aufgrund von willkürlichen Hinweisen aus Irgendwo als Prostituierte denunziert wird, ein Lehrer zum Sexmonster abgestempelt, ein Manager als Betrüger klassiert. Betroffene haben sich zu entsprechenden Vorwürfen zu äussern, das ist die Branchenauffassung. Doch! Mit jedem Satz macht sich, wer auf irgendeine Weise stigmatisiert wird, noch angreifbarer. In unserer Gesellschaft, mit dem Hang zur boulevardesken Erzählung, hat so wer keine Chance mehr zur Rehabilitierung. Es werden mitunter vielleicht aus einer Laune heraus tragische Schicksale geschaffen, selbst wenn womöglich eine mal skizzierte These nach geraumer Zeit dementiert wird. Qualitätsjournalismus ist für mich: mit Distanz zu sich selber stilvoll nachforschen und schreiben, Verantwortung tragen für die eigene Darstellungsform, Respekt für das Vis-à-vis bewahren, über Menschen nur das publizieren, was man auch über sich zu lesen erträgt. Kritik darf klar beurteilen, nicht aber vorurteilen. Jede Recherche ist eine Reise mit unbekanntem Ziel, die vorbehaltlos und mit wachem Geist angetreten werden soll. Und es ist niveauvoll, wenn hierbei Überraschendes erscheint und das geistige Kurzfutter wie das edle Mehrgangmenü voller Liebe zur Sprache umgesetzt werden. Den Lesenden zum Wohl. Kritischer Journalismus steht so lange nicht für Qualitätsjournalismus, als sich dieser allein auf den Tadel abstützt und nicht auch auf das Lob. Wer urteilt, muss vorweg nicht nur Negatives suchen, es darf auch Positives ergründet und vorzugsweise die Balance gefunden werden. Schwarzweiss bringt’s schreibenderweise nicht, aber sehr wohl der Einsatz aller existierenden Farben und möglichen Mischungen. Kritik muss sich als Begriff in diesem Sinn wandeln dürfen. Dann ist kritischer Journalismus geil. Guido Blumer, 55, ist Verleger und Co-Chefredaktor des “Stadtblatts“, einer textlastigen Zeitung, die jeden Sonntag gratis in alle 49000 Winterthurer Briefkästen gelegt wird, Präsidiumsmitglied des Verbands Schweizer Presse und Leiter von dessen Departement Ethik sowie ehemaliges Vorstandsmitglied des Vereins Qualität im Journalismus. |
||
© verein qualität im journalismus, 2005 · info@quajou.ch |
|||

