Verein Qualität im Journalismus

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„Carte Blanche“ für Reto Schlatter

30.03.2008

Wenn der Reporter zum Opfer wird



Reto Schlatter

Verkehrsunfälle, Familientragödien, Überschwemmungen, Katastrophen – Medienschaffende sind stets zur Stelle. Oftmals vor der Polizei oder der Sanität. Sie berichten über Dramen, schiessen Bilder von verzweifelten Menschen – und realisieren nicht, dass sie selber mitten drin stehen. Das Trauma taucht später auf. Dann werden Journalisten selber zum Opfer.

Reto Schlatter


Wer in einer Redaktion als Reporter, als Kameramann oder als Cutterin arbeitet, sieht Bilder, die er oder sie womöglich das Leben lang nicht mehr vergisst. Verkohlte Leichen, verhungerte Kinder, verzweifelte Gesichter nach einem Häuserbrand oder einem Erdrutsch. Täglich berichten Medienschaffende über kleinere und grössere Katastrophen. Solche Geschichten interessieren ihr Publikum. „Je schneller, desto besser“ lautet das Motto in den Redaktionen, wenn es darum geht, schreckliche Ereignisse möglichst rasch und mit Bildern und O-Tönen für die Öffentlichkeit publik zu machen.

Nahe ans Geschehen und an die Menschen sollen sie gehen, die Journalistinnen und Journalisten, wenn sie über Unfälle und Verbrechen berichten. Das Publikum will von den Betroffenen direkt erfahren, was sich zugetragen hat, wie sie das Unglück erlebt haben und wie sie damit umgehen. Dies herauszufinden gehört zum Job eines guten Reporters. Man recherchiert minutiös, was genau vorgefallen ist. Und offeriert dem Publikum Trauer, Tränen und schockierte Menschen. Medienschaffende sind zwar häufig vor Polizei, Feuerwehr, Militär- und Rettungskräften vor Ort. Aber sie sind zugleich die letzten, die die möglichen psychologischen Folgen ihrer Berichterstattung wahr-, geschweige denn ernst nehmen.

Die Aufgabe für Journalistinnen und Journalisten in solchen Situationen ist in zweifacher Hinsicht schwierig: Zum einen dürfen sie das Leid der traumatisierten Opfer nicht noch verschärfen, indem sie ihnen unangebrachte Fragen stellen. Unsensible Medienberichte und Fragestellungen können traumatische Erlebnisse verschlimmern. Die Opfer machen die erlebte Situation noch einmal durch, was ihren Schmerz vergrössert. Als die Überlebenden der Tsunami-Katastrophe nach Europa zurückkehrten, wurden sie an den Flughäfen von Dutzenden Journalisten empfangen, die sie interviewen wollten. Viele der Heimkehrer hatten Freunde, Verwandte, Familienangehörige verloren – sie standen unter Schock ob der verheerenden Bilder. Wer hier möglichst rasch auf ein knackiges Quote eines Betroffenen hofft, verletzt die Würde eines traumatisierten Menschen. Journalisten aber, die mitfühlen und selber betroffen sind, können unter Schock stehende Opfer behutsam zum ehrlichen Reden bringen.    

Der ORF-Journalist Christoph Feurstein hat Natascha Kampusch wenige Wochen nach ihrer Befreiung interviewt. Sein einfühlsames Interview gelang ihm nur, weil er während der ganzen Zeit ihrer Gefangenschaft mit der Familie in Kontakt geblieben war. Er hat auch den verzweifelten Kampf des Todeskandidaten Billy Jones in den USA verfolgt – von der Hochzeit mit einer Österreicherin bis zur Hinrichtung, bei der Feurstein selber Zeuge war – und in einem eindrücklichen Film dokumentiert (www.christoph-feurstein.at). Der 36-jährige Journalist wurde für seine Hartnäckigkeit und sein Einfühlungsvermögen mehrfach ausgezeichnet. Sein Rezept überrascht: Ein gutes Interview werde vom Opfer bestimmt, nicht vom Journalisten, sagt Feurstein. Neben der Gefahr, das Trauma des Opfers zu verstärken, gibt es für Journalisten eine zweite Schwierigkeit bei der Berichterstattung über Unfälle und Verbrechen. Die schrecklichen

Bilder und das menschliche Leid hinterlassen in den Seelen der Journalisten Spuren. Früher oder später hat es Auswirkungen, wenn man sich als Journalist einerseits in die Opfer einfühlen, anderseits die eigenen Emotionen wegstecken soll. Die Fähigkeit zu fühlen wird ganz einfach überstrapaziert. Nicht jeder Journalist erleidet zwangsläufig ein Trauma, wenn er oder sie über Unheil, Gewalt und Katastrophen berichtet. Doch mit der Zeit nutzen sich bei vielen die eigenen Abwehrmechanismen ab. Laut Studien leiden 30 Prozent der Kriegsberichterstatter innerhalb von 15 Jahren an posttraumatischen Belastungsstörungen, kurz PTBS genannt. Untersuchungen über Berichte zu alltäglichen Unfällen und menschlichen Schicksalsschlägen sind nicht bekannt – doch die Folgen für die Medienschaffenden (meist Lokaljournalisten) dürften nicht wesentlich anders sein als bei Kriegsreportern. Mit den inneren Bildern kommen viele Journalisten nicht zurecht. Darüber reden geziemt sich nicht, schliesslich gehört es ja zu einem guten Berichterstatter, über den Dingen zu stehen. In der Redaktion mimt man den starken, den abgebrühten, den coolen Reporter – doch im Innern sieht es häufig anders aus. „Trauma und Journalismus“ lautet das  Thema der Herzberg-Tagung 2008 des Vereins Qualität im Journalismus.

Mehr dazu: Herzberg-Tagung

Reto Schlatter ist Studienleiter am MAZ, er betreut die Weiterbildung (Medienforum). Er ist Vorstandsmitglied beim „Verein für Qualität im Journalismus“. Zusammen mit Kolleginnen und Kollegen organisiert er die Herzberg-Tagung vom 4. November 2008. Daneben arbeitet Schlatter als Medientrainer, Coach und Organisationsentwickler im Beratungsnetzwerk visias.  

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