| |||
![]() |
|||
Startseite | Impressum | Sitemap | Kontakt |
|||
|
|
„Carte Blanche“ für Christine Fivian04.05.2008Die Hohe Schule des Lokaljournalismus
Unter Journalisten geniesst der
Lokaljournalismus kein besonders hohes Ansehen. Zu Unrecht. Denn in
keinem anderen Bereich hat sich die Forderung nach Qualität so wirksam
durchgesetzt. Christine FivianKürzlich hat mir ein junger Mitarbeiter verraten, dass er lange überlegt habe, ob er die Stelle bei einem kleinen Blatt in der Provinz antreten soll. Unter Journalisten hätten diese „Chäsblettli“ ja nicht gerade einen besonders hohen Stellenwert. Tatsächlich ist diese Meinung unter Einsteigerinnen und Einsteigern weit verbreitet. Trotz vielen gegenteiligen Lippenbekenntnissen hat der Lokaljournalismus gegenüber den so genannt „relevanten“ Bereichen wie Inland, Ausland, Wirtschaft und Kultur nach wie vor einen tiefen, wenn nicht den tiefsten Stellenwert. Verstärkt wird diese Wahrnehmung durch die zunehmende Akademisierung, die dazu führt, dass der berufliche Werdegang, der mit dem „Handwerk von der Pike auf“ beginnt, noch stärker an Prestige verliert. Dabei wird oft übersehen, dass gerade im Lokaljournalismus die Professionalisierung eine steile Entwicklung erfahren hat. Vermutlich in keinem anderen Bereich sind die Anforderungen in den letzten Jahren so deutlich gestiegen. Die wohlwollend kommentierende wich der sachlichen Berichterstattung, die Recherche ersetzte den Verlautbarungsjournalismus, der gelernte journalistische Handwerker den sendungsbewussten, mit schriftstellerischen Ambitionen beflügelten Quereinsteiger. In kaum einem anderen journalistischen Fachbereich wird die Forderung nach Qualität so ernst genommen wie im Lokaljournalismus. Dafür gibt es mehrere offensichtliche Gründe, allen voran die Überprüfbarkeit: Kein Lokaljournalist kann es sich leisten, Halbwahrheiten, aus der Luft gegriffene Spekulationen oder schlecht recherchierte Behauptungen zu verbreiten, ohne dafür gleich die Quittung serviert zu bekommen. In keinem anderen Fachbereich ist die Glaubwürdigkeit des Geschriebenen so direkt von dessen Überprüfbarkeit abhängig. Die Nähe zur Leserschaft ist eine Verpflichtung zur Wahrheit, die den Lokaljournalisten in seiner täglichen Arbeit überall und lückenlos begleitet. Der Einwand, dass mit der Nähe zur Leserschaft auch die Beisshemmung zunimmt, ist sicher richtig. Auf der anderen Seite nehmen aber auch der Respekt und die Sensibilität gegenüber jenen unzähligen Menschen zu, deren Engagement auf breiter Ebene das gesellschaftliche Fundament dieses Staates bildet. Hier von Fall zu Fall das richtige Mass zu finden, das heisst, gleichzeitig den Informationsauftrag richtig zu interpretieren und dabei weder den Respekt den Menschen gegenüber noch die journalistische Unabhängigkeit zu verlieren – das gehört zur hohen Schule des Lokaljournalismus. Eine Kompetenz, die jedem Journalisten, jeder Journalistin gut ansteht – auch denjenigen, die sich in einer anderen, „wichtigeren“ Rolle sehen. Eine gut gemachte Lokalzeitung lebt also in erster Linie von der Glaubwürdigkeit, der Sachkenntnis und der journalistischen Unabhängigkeit ihrer Macher. Doch damit allein lässt sich heute die Aufmerksamkeit längst nicht mehr gewinnen. Mindestens so wichtig ist das journalistische Handwerk, das auf Talent und der sprichwörtlichen Spürnase einerseits und auf einer fundierten Ausbildung andererseits beruht. Diese Erkenntnis hat sich zum Glück durchgesetzt. Noch nicht durchgesetzt hat sich bei vielen jungen Kolleginnen und Kollegen jedoch die Erkenntnis, dass gerade die harte Schule bei einer Lokalzeitung ihnen die beste Basis für ihre spätere berufliche Laufbahn liefert. Seinen Entschluss hat der Mitarbeiter nicht bereut, wie er mir versicherte, auch wenn der Einstieg über eine kleine Zeitung nicht zuletzt eine Lohneinbusse bedeutet gegenüber dem Angebot, mit dem grosse Medien locken können. Der junge Kollege wird seinen Weg gehen. Er ist talentiert und weil er das weiss, ist er entschlossen, das Handwerk à fond zu lernen. Irgendwann wird jemand auf ihn aufmerksam werden. Dann ist für ihn der richtige Zeitpunkt gekommen weiter zu ziehen. Christine Fivian ist seit 15 Jahren Chefredaktorin des „Zürcher Unterländer“. Sie war Gründungsmitglied des Vereins „Qualität im Journalismus“ und hat sich in all den Jahren für eine solide Ausbildung und die Einhaltung ethischer Grundsätze im Journalismus eingesetzt. Ende August geht sie in Pension. |
||
© verein qualität im journalismus, 2005 · info@quajou.ch |
|||

